Alpenglühen und Gletscherschmelze
Wie der Klimawandel das Leben in den Bergen verändert

Wer kennt sie nicht? Längst haben sich Matterhorn, Pragser Wildsee und Seceda zu berühmten Instagram-Hotspots und damit zu prominenten Wahrzeichen der Alpenlandschaft entwickelt. Mit ihren unberührten Almwiesen und den majestätischen Gipfeln am Horizont sind die sommerlichen Alpen dabei für viele Menschen noch immer ein persönlicher Sehnsuchtsort. Ebenso lockt die Aussicht auf makellose Pisten und idyllische Schneelandschaften zahlreiche Wintersportbegeisterte in die Berge. Kaum verwunderlich scheint es deshalb, dass die Alpenregion mit rund 100 Millionen Besucherinnen und Besuchern pro Jahr zu den beliebtesten Reisezielen weltweit gehört.
Zusätzlich zu ihrer Rolle als Erholungs- und Erlebnisraum kommt den Alpen jedoch zugleich eine wichtige Funktion als Wetterküche Europas zu. So trennt der Alpenkamm etwa die kalte Luft aus Nordeuropa von den feuchtwarmen Luftmassen der südeuropäischen Länder und trägt auf diese Weise wesentlich zur Verteilung der Temperaturen bei. Als natürliche Barriere bringen die Alpen zudem regelmäßig feuchte Luftmassen zum Abregnen, was sie zum größten Süßwasserspeicher unseres Kontinents werden lässt. Neben der Stabilität des mitteleuropäischen Klimas sorgen die Berge des Alpengebiets also ebenso für die Sicherheit unserer Wasserversorgung.
Dass allerdings gerade auch dieser einmalige Natur- und Lebensraum äußerst sensibel auf den Klimawandel reagiert, führt uns der überdurchschnittlich starke Anstieg der Temperatur in der Alpenregion vor Augen. Im Vergleich zur globalen Erwärmung lässt sich dort mit einer Erhöhung von 2°C innerhalb der vergangenen 100 Jahre nämlich eine fast doppelt so schnelle Temperaturzunahme beobachten. Verantwortlich für diese rasante Erhitzung ist dabei unter anderem eine sich selbstverstärkende Dynamik. Denn wurde das einfallende Sonnenlicht in der Vergangenheit noch größtenteils durch die weitläufigen Schneeflächen auf den Berghängen reflektiert, so führt deren fortschreitendes Abschmelzen zu immer mehr unbedecktem Berggelände und damit zu einer anhaltenden Aufwärmung der Gesteinsmassen (Albedo Effekt).
Die Folgen des Klimawandels stellen die Menschen und Ökosysteme der Alpenregion deshalb bereits heute vor vielfältige Herausforderungen. Immer häufiger kommt es wegen des im Sommer auftauenden Permafrostes etwa zu spontanen Steinschlägen und Murenabgängen, die nicht nur wander- und klettersportbegeisterte Menschen gefährden, sondern ganze Ortschaften in den Tälern bedrohen. Zugleich lässt sich jeden Winter eine stetig steigende Zahl an Skigebieten verzeichnen, die sich aufgrund des zunehmenden Schneemangels mit sinkenden Tourismuszahlen und großen wirtschaftlichen Einbußen konfrontiert sehen. Existenzielle Folgen hat der alpine Klimawandel ebenso für die einheimischen Pflanzen- und Tierarten, die den steigenden Temperaturen schutzlos ausgesetzt sind. Um zu überleben, müssen Steinbock, Alpensalamander und Lärche folglich oftmals ihre ursprünglichen Lebensräume aufgeben und in das kühlere Klima der höheren Bergregionen ausweichen.
Doch wie genau hängen diese Phänomene mit dem menschengemachten Klimawandel zusammen? Auf was für Risiken und Gefahren müssen wir uns zukünftig bei unseren Ausflügen in die Berge einstellen? Und mit welchen Lösungsansätzen versuchen die Menschen vor Ort schon jetzt den klimabedingten Veränderungen in den Alpen zu begegnen? Vielfältige Antworten auf diese und weitere Fragen findet ihr in den ausgewählten Beiträgen dieses Deep Dives.
Stefan Vicedom
(Redaktion KLIMAINDEX)
Deep Dive: Alpiner Klimawandel
Das Sterben der Eisriesen
Andreas Frey & Bernhard Edmaier, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ohne Frage gehört das Sterben der Gletscher für viele Menschen zu den augenscheinlichsten Phänomenen im Zusammenhang mit dem alpinen Klimawandel. Trotz ihrer mitunter enormen Ausmaße haben die rund 5.000 Gletscher der Alpenregion in den letzten 150 Jahren dabei bereits circa 60 Prozent ihres Volumens verloren. Dies nehmen der Journalist Andreas Frey und der Fotograf Bernhard Edmaier zum Anlass, um in ihrer spannenden Reportage den Ursachen für das dramatische Abschmelzen der Alpengletscher auf den Grund zu gehen. Neben wichtigen wissenschaftlichen Hintergründen rund um den klimabedingten Prozess des Gletscherrückgangs und den damit verbundenen Auswirkungen bietet euch dieser Beitrag ebenso einige beeindruckende Bilder aus der hochalpinen Gletscherlandschaft.
Schnee von gestern: Wintersport und Klimawandel
Georg Bayerle & Sarah Fischbacher, 11KM (tagesschau)
Aufgrund des deutlich zunehmenden Schneemangels während der Wintermonate sehen sich aktuell immer mehr Skigebiete in den Alpen gezwungen, ihre Pisten mit Kunstschnee aufzubereiten oder den Betrieb gänzlich einzustellen. Nicht wenige Menschen fragen sich deshalb, ob und wie lange der jährliche Skiurlaub überhaupt noch mit gutem Gewissen möglich ist. Eben diese Aspekte beleuchtet auch das hörenswerte Gespräch zwischen Sarah Fischbacher und dem Bergexperten Georg Bayerle. Unter anderem legen sie euch in ihrem Interview dar, welche Skiregionen besonders durch den Klimawandel bedroht sind, ob die Beschneiung mit Kunstschnee unter den gegenwärtigen Voraussetzungen tatsächlich eine langfristige Lösung sein kann und mit welchen neuen Konzepten die betroffenen Skigebiete zukünftig ihre wirtschaftliche Existenz sichern wollen.
How climate change is reshaping the Alps
Vedrana Simičević, BBC
Zusätzlich zur Gletscherschmelze und dem winterlichen Schneemangel bringt der alpine Klimawandel auch weitere Unsicherheiten während der Sommermonate mit sich. Ein besonders großes Risiko stellt hierbei der verstärkt auftauende Permafrost dar, der das Gestein im Gebirge somit nicht länger als natürlicher Kitt zusammenhält. In ihrem umfassend recherchierten Beitrag nähert sich Vedrana Simičević diesem Problem an und verdeutlicht euch, wie der instabile Fels mit einer neuen Regelmäßigkeit zum Auslöser von Steinschlägen, Murenabgängen und Felsstürzen wird. Anhand unterschiedlicher Beispiele zeigt sie euch zudem auf, warum diese unberechenbaren Gerölllawinen das Gefahrenpotenzial für bergbegeisterte Menschen deutlich erhöhen und außerdem immer wieder zu beträchtlichen Schäden an den Gebäuden und der Infrastruktur der lokalen Alpengemeinden führen.
Aufwärts in kühle Höhen: Wie der Klimawandel die Vegetationszonen verschiebt
Harald Pauli, Oekom Verlag
Von den aufgeweckten Murmeltieren bis hin zum blaublühenden Enzian beheimaten die Alpen rund 30.000 Tier- und 5.500 Pflanzenarten. Nicht selten haben sich diese im Laufe der Zeit zugleich auf bestimmte Lebensräume in den Bergregionen spezialisiert. Auf welchen Ebenen der fortschreitende Temperaturanstieg des Klimawandels deshalb gerade auch zu einem ernsthaften Problem für die alpinen Ökosysteme wird, verfolgt der Artikel des Biologen Harald Pauli eindrücklich am Beispiel verschiedener Alpenpflanzen. In seiner Analyse könnt ihr nicht nur nachlesen, weshalb die bisher kargen Gipfel der Alpen seit einigen Jahren immer häufiger von Blütenpflanzen aus den tieferen Lagen bevölkert werden. Sondern ebenso erhaltet ihr dort Antworten auf die Frage, inwiefern das Abwandern vieler Pflanzen in höher gelegene Ausweichräume letztlich dennoch mit einem Verlust der Artenvielfalt und dem Verschwinden alpiner Ökosysteme einhergeht.
Die Alpen in Bergnot
Gerwald Herter, Gesichter Europas (Deutschlandfunk)
Obwohl mit der Alpenkonvention bereits 1991 ein erstes Rahmenkonzept für die nachhaltige Entwicklung der Alpen festgelegt wurde, bremsen wirtschaftliche, politische und kulturelle Interessen das Ziel eines konsequenten Klimaschutzes oftmals aus. Auf seiner Reise quer durch das Alpengebiet hat der Journalist Gerwald Herter unterschiedliche Menschen getroffen, die sich in dieser widersprüchlichen Gemengelage für die Idee einer klima- und umweltfreundlichen Bergregion einsetzen. In seiner Reportage bringen euch Alpenbewohnerinnen und -bewohner ihre persönlichen Gedanken zu den Auswirkungen des Klimawandels näher und erläutern euch, auf welche Weise sie den anstehenden Herausforderungen begegnen möchten. Genauer betrachtet werden dabei unter anderem der Bau eines neuen Wasserkraftwerks im Längental, die Arbeit der Wetterstation auf dem Gipfel des Hohen Sonnblick und das Fortbestehen des Tourismusgebietes im österreichischen Marlstein.
Alpiner Klimawandel+
Weltweit schmelzen die Gletscher – und damit auch unsere Trinkwasserreserven
Alejandra Borunda, National Geographic (Link)
Profiteure des Klimawandels: Wintersport als Luxusgut
Volker Schulte & Nora Hespers, Sport Inside (WDR) (Link)
"Die Berge waren doch immer schon Kulisse"
Jens Badura & Dominik Prantl, Süddeutsche Zeitung (Link)
Die Alpen werden gefährlicher
Katharina Kestler & Constanze Bayer, Bergfreundinnen (BR) (Link)
Die tierischen Verlierer und Gewinner des Klimawandels
Marlene Erhart, Der Standard (Link)
Kleine Utopien und aktuelle Glücksfunde
Die Pranke der Natur (und wir Menschen)
Alexander Kluge, Hörspiel Pool (BR) (Link)
Dieses außergewöhnliche Audiostück beleuchtet, was die Katastrophe von Fukushima mit dem Verhältnis von Mensch und Natur zu tun hat. Wir sind entzückt von Alexander Kluges scharfsinnigen Analysen und dem eklatant schönen Titelsong der Sängerin Gustav.
Treating empty bottles like lottery tickets could transform recycling
Sarah DeWeerdt, Anthropocene Magazine (Link)
Das Zocken mit Pfandgut löst zwar sicher nicht unsere Ressourcenprobleme. Aber dennoch zeigt die Studie eindeutig auf: Nachhaltigkeit muss sich endlich lohnen!
Drohnen-Müllabfuhr holt Abfall vom Mount Everest
Martin Sümening, Der Spiegel (Link)
Die Müllberge auf dem höchsten Gipfel der Erde sorgen nicht nur bei uns seit Jahren für Schnappatmung. Wir finden Milan Pandeys Start-up deshalb auch deutlich hotter als die luftigen Visionen von SpaceX.
Artist Pick: Olafur Eliasson

Zentral für die Arbeitsweise des Künstlers Olafur Eliasson (*1967) ist seine vielfältige Beschäftigung mit physikalischen und naturwissenschaftlichen Phänomenen, die er oftmals in Installationen, Objekten und fotografischen Werken untersucht. In seinen experimentell angelegten Arbeiten dienen ihm dabei regelmäßig elementare Materialien - wie Wasser, Licht und Temperatur - als künstlerische Medien.

Ein wiederkehrendes Thema in Olafur Eliassions künstlerischer Praxis ist seine Auseinandersetzung mit Gletschern und Berglandschaften. So reiste er 1999 zu zahlreichen Gletschern in seiner Heimat Island und fertigte fotografische Porträts von diesen an. Im Jahr 2019 suchte er die Orte erneut auf, um sie abermals zu dokumentieren. Die tiefgreifenden Veränderungen dieser Eislandschaften werden hierbei vor allem in seiner Arbeit The glacier melt series 1999/2019 deutlich, in der er die zeitversetzten Porträts der Orte jeweils direkt gegenüberstellt. Für sein Werk Beyond human time nutzte Olafur Eliasson hingegen Stücke von uraltem Gletschereis, das von der grönländischen Küste stammt. Gemeinsam mit ausgewählten Farbpigmenten positionierte er die Eisstücke auf einem Papier und überließ sie anschließend dem natürlichen Schmelzvorgang. Im weiteren Verlauf verteilte das aus den Eisstücken resultierende Wasser die Farbpigmente organisch auf der Oberfläche des Papiers und schuf somit eine zufällige und auf natürlichen Prozessen beruhende Bildstruktur.
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